"Immer wieder ist Katja seit 30 Jahren die Madonna mit den singenden Engeln von Boticelli erschienen. Seit 2 Jahren versucht sie, sich von diesem Bild zu befreien.
Sie setzt die Madonna mit dem leidenden Blick - einem Blick, der ihr nicht nach innen gekehrt erscheint, wie auf anderen Boticelli-Bildern, sondern auf die Welt gerichtet ist in Trauer und Melancholie - Sie versetzt diese Madonna in Ihre, d.h. in unsere Zeit. Sie sagt: mit einem Male glaubt sie, das Bild zu verstehen."

Das Material der Foto-Collagen setzt sich zusammen:

- aus Fotografien des Berliner Mondatlas, 2. Auflage. Herausgegeben von der Wilhelm-Förster-Sternwarte

- aus einer Reproduktion des Bildes von Sandro Boticelli "Madonna mit dem Kind und singenden Engeln" um1476

- aus Zeitungsabbildungen vom Erdbeben 1981 in San Angelo dei Lombardi, Italien

- und aus anonymen Strukturteilen, sowie einem Foto von Man Ray.

Katja Gadebusch : Collagen

Dietrich Mahlow: Text 1982

Carlo Thies: Realisation

Alle Bilder: Schwarz-Weiß-Druck auf Folie

Abmessung: 100 x 27cm

Madonna mit den weinenden Engeln     

"Während der langwierigen Arbeit am Webstuhl entstand der Wunsch in einem kürzeren Zeitraum Aussagen zu machen. So fand ich den Weg zu Collagen, in denen wiederum die zellenartigen Grafiken auftauchen.
1981 nach dem Erdbeben von San Angelo dei Lombardi entstand die Collagen-Mappe MADONNA MIT DEN WEINENDEN ENGELN, in der die Madonna statt mit den singenden Engeln in weinende Engel dem Sinn entsprechend von mir geändert wurde. Den Prosa-Text hierzu schrieb der Kunstwissenschaftler Dietrich Mahlow. Mit diesen 10 Collagen verarbeitete ich das Bild von Sandro Boticelli, welches mich seit meinem 17 Lebensjahr begleitete." K. G.-L. 2012

 

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Zwischen den Trauernden sieht sie die Madonna. Aus singenden Engeln sind weinende Menschen geworden. Aber ihr kommt es so vor, als wenn die Menschen zu Engeln würden, die ihren Schmerz der Madonna klagen, klagen und singen, bei der sie sich aufgehoben fühlen im doppelten Sinn; die Toten sind nicht vergessen, und sie selbst werden befreit durch die Besinnung auf eine grosse, rätselhafte Kraft des Lebens.

Wer ist diese Madonna? Nur ein Schemen, ein schwarzes nichts, aus dem Blumen blühen und nach dem die Hände ringen?
Nun endgültig säkularisiert, ist sie zum Mann mit der Mundbinde geworden, der sich den Toten zuneigt. Er steht in der Mitte, als wenn er das Leid tragen könnte.
"Der Mond ist ein wohlgemuter Toter
Der Mond ist ein inniger unsinniger
Der Mond ist ein gottgefälliger Überträumer
Was dauert einen Atmzug länger als die Unendlichkeit
Der Traum des Mondes
Der Mond scheint träumend in den Abgrund einer Blume
Der Mond träumt von vielgestaltigen Wesen und Spielen bei denen er seine Hand im Spiel hat. Der Mond träumt von Lichtpyramiden aus denen die silbernen Bärte der Sternmumien wehen"
(Jean Arp)

Der Mond ist letztlich der Ort, wohin die Menschen ihre Schmerzen und Hoffnungen tragen: in die reine Betrachtung des langsamen, unaufhörlichen Wandels. "Warum wirkt der Anblick des Vollmondes so wohltätig, bewundernd und erhebend? Weil der Mond ein Gegenstand der Anschauung, aber nie des Wollens ist."
(Artur Schopenhauer)

"Aus dem Mond wird die Wolke, die die Lichtquelle der Sonne verdeckt; aus der Wolke blickt der Engelskopf: halb singend, halb erstarrt im Singen vom Schrecken, beim Anblick des Leichenzuges. Woher stürzen wohl die lautlosen silbernen Lichtfälle? Von einem silbernen Mond. Wohin stürzen wohl die lautlosen silbernen Lichtfälle? Zu einem silbernen Mond."
(Jean Arp)

 

Relativität und Wechsel - Einstein
Der Traum - Freud
Verweigerung - Gandhi
Veränderung des Bewusstseins: Warum nicht auch Beuys und andere
Veränderungen des Sehens - Picasso immer im Rhytmus gleichbleibend; Sonne und Mond.
Alle Leitern führen nun zu Engeln (s.a. Bild 10).
Aus Trümmern entsteht wieder Gesang. Und Distanz und Veränderung. Andere Augen blicken in die Welt, und der Sänger verändert sein Lied.
Der Mond als Lebensrat, als Kugel, in dem sich Trauer und Träume finden, rollt zur Erde hinab, den Totenberg, der zum Anstoss wird, hinter sich lassend.
In ein neues Leben, das aus der Erde kommt und den Himmel berührt.
Kann man heute von Engeln sprechen? Wir Berliner sind nicht allein auf dieser Erde. Viele Kulturen haben Engel, und die Atheisten auch, und die Dadaisten auch (sh. Tristan Tzara auf der Leiter von Man Ray fotografiert). Es gibt Engel in der Kirche, im Hause, auf dem Feld, am Tag und in der Nacht(bar), wirkliche Engel sind weiblich, und nicht alle Kinder sind Engel. Aber was sind solche Engel, was verbindet sie, was rechtfertigt uns, sie so zu nennen?
Sind sie Mittler, die das Leid der Erde singen? Das ganze Leid, das ohne sie nur Klage wäre, mit ihnen aber, die die Nachricht vom unsäglichem, dem Mond, dem All, dem Nichts, dem Gott übermitteln, erträglich wird?
Sind die Engel für die Möglichkeit der Befreiung von der Last des Lebens, die ohne sie nicht zu tragen wäre? Die aber durch sie uns selbst zu Engeln macht: erfüllt immer von einer intuitiven unerklärlichen Hoffnung, aus der Laut, Ton, Gesang und Sprache kommen: die Lesbarkeit der Welt. Oder die Fliegbarkeit in dieser Welt? Nur so entkommt Tristan Tzara dem tickenden Beil und dem programmierten Zuschlag, indem er die Leiter wegstösst und fliegt oder - sich an einen der Busen klammert.